Die Geschichte der Uhrmacherfamilie Klug

Friedrich Wilhelm IV. und seiner Gemahlin Elisabeth
Seidenbilder mit den Bildnissen Friedrich Wilhelm IV. und seiner Gemahlin Elisabeth
(Quelle: Preußen – Versuch einer Bilanz. Ausstellungskatalog in 5 Bänden hrsg. von Gottfried Korff. Reinbek 1981. Bd. 1, S. 240)


Originaltext aus dem „Lesebuch für die Mittelklassen Katholischer Volksschulen“ (Verlag Crüwell, Dortmund 1913)

 

Königin Elisabeth und der gelähmte Knabe

Es war im Jahre 1842, als König Friedrich Wilhelm IV. und seine Gemahlin Elisabeth während des großen Königsmanövers für sechs Wochen Wohnung auf dem Schloss zu Brühl nahmen. Von dem Schlosse führen zwei schöne Lindengänge dem Parke zu.

An einem heiteren Augusttage erging sich die Königin Elisabeth in einem der Lindengänge; da bemerkte sie einen Knaben, der auf Hand und Fuß daher kroch.

Das fiel ihr auf; sie ließ den Knaben zu sich kommen und fragte ihn, wie alt er sei und warum er nicht aufrecht gehe. Da erfuhr sie, dass der Knabe acht Jahre alt sei und sich nie anders habe fortbewegen können, weil beide Beine ganz gelähmt seien. Darauf sagte sie zu dem Knaben: „Komm morgen um 10 Uhr mit deiner Mutter ins Schloss; da wollen wir sehen, ob dir nicht mehr zu helfen ist.“

Zur festgesetzten Stunde fand der arme Krüppel sich mit seiner Mutter im Schlosse ein, und Königin Elisabeth ließ ihn durch ihren Arzt untersuchen. Dieser hielt die Lähmung für heilbar und nahm den kranken Knaben in Behandlung.

Weil die Mutter eine arme Witwe war, so bestritt die Königin alle Kosten der Krankenpflege. Der Knabe aber musste ihr versprechen, wenn er geheilt sei, in die Schule zu gehen; wenn er in derselben brav und fleißig sei, könne er sich nach seiner Entlassung irgend ein Handwerk wählen, wozu er Lust habe sie werde für das Lehrgeld aufkommen.

Die Genesung des Knaben schritt rascher voran, als man gedacht hatte; schon nach einigen Monaten sah man ihn frei und aufrecht zur Schule gehen mit den Schulsachen unterm Arm, gerade wie die andern Kinder.

Als Peter Klug – so hieß der Knabe – die Schule mit guten Zeugnissen verließ, sollte er sich also ein Handwerk wählen. Er wünschte Uhrmacher zu werden und wurde bei einem Meister zu Brühl in die Lehre gegeben. Während der dreijährigen Lehrzeit musste jedes Jahr an die Königin berichtet werden, wie der Lehrjunge sich führe; sie ließ dann dem Meister das Lehrgeld zugehen.

Nach den Lehrjahren wanderte Klug als Geselle in die Fremde, kehrte nach einigen Jahren zurück und ließ sich als Meister in seiner Heimatstadt nieder. Da er sein Handwerk verstand, so fehlte es ihm nicht an reicher Kundschaft.

In der ersten Zeit seiner Meisterschaft stellte Klug eine hübsche Tafeluhr her, auf deren Sockel zur Verzierung Ansichten von dem Brühler Schlosse und von dessen Umgebung angebracht waren. Diese Uhr sandte er seiner unvergesslichen Wohltäterin und bezeugte ihr in einem Schreiben seinen Dank aus Herzensgrund. Bald darauf kam von der Königin auch ein Schreiben an Meister Klug, worin sie ihre Freude darüber aussprach, dass er es in seinem Handwerk zur Meisterschaft gebracht habe. Da ihm aber die Herstellung der Uhr nicht unbeträchtliche Auslagen verursacht habe, so füge sie für diese zweihundert Taler bei.

Meister Klug ist nicht alt geworden; er schläft schon seit vielen Jahren auf dem Friedhofe von Brühl. Seine hohe Wohltäterin ging ihm im Tode voran und ruht neben ihrem Gemahl in der Friedenskirche zu Potsdam. Das Andenken aber an die edle Fürstin und an ihr Erbarmen mit dem hilfsbedürftigen Knaben lebt fort in den Herzen der Brühler Bürgerschaft.